Man macht sich ja immer ein Bild von Stücken, die man liest. Jetzt wo ich mir eine Opernversion von Schnitzlers “Reigen” anschaue (die aus Stuttgart), stelle ich fest, wie konkret das Bild der Charaktere in meinem Kopf bereits ist. Einige dieser Bilder sind sogar schon ziemlich alt und vorher ausgeführt (junger Herr, junge Frau, Dichter, Schauspielerin), bei anderen habe ich während der Ausführung etwas mehr nachgedacht (Dirne, Graf, Stubenmädchen).
Weil sie alle wienern und ich kein gutes Bild davon habe, wie sie in Wien um die Jahrhundertwende aussahen, stelle ich sie mir alle mitteleuropäisch aussehend in zeitgenössischen Klamotten vor. Ohne Ausnahme sind sie alle überspitzte Klischees und sehen auch so aus:
Die Dirne (Leocadia) – Die vermutlich sympathischste Frauenfigur (so alles in allem) hat hellgrüne Augen, ein paar Sommersprossen im Gesicht und strahlend rote, lockige Haare wie Patricia Petibon. Ihr Gesicht ist etwas kantig, dennoch ist sie eigentlich die attraktivste unter allen Frauen, was unter ihrem dickem Make-up gut versteckt wird. Sie hat von allen Frauen das lebhafteste Gemüt, obwohl sie wohl recht viel durchgemacht hat und dadurch kränklich ist und trotz ihrer Jugend Falten im Gesicht hat.
Der Soldat (Franz) – Klein und stämmig, mit ziemlich kantigem Gesicht und etwas blöden, grauen Augen. Als langweiligster männliche Charakter hat er noch nie ein Buch im Leben durchgelesen und sieht auch so aus. Der Soldat trägt natürlich kurze Haare und stets seine Uniform, weil er sich nur dadurch definieren kann.
Das Stubenmädchen (Marie) – Die Mizzi hat platinblondes Haar; wenn sie es sich färben würde, würde sie sich für ein sehr helles Pink entscheiden. Sie ist eigentlich dem süßen Mädel sehr ähnlich, nur dass sie strengere Gesichtszüge hat, fast schon zu dünn ist und nicht nur dumm aussieht, sondern das auch ist. Ihre Dienstuniform versteckt ihren eigentlich guten ästhetischen Sinn, so liest sie am liebsten Modemagazine. Hat sehr wenig Selbstbewusstsein, zieht aber genau deshalb Männer an.
Der junge Herr (Alfred) – Der junge Herr sieht eigentlich genauso aus wie die Mizzi, nur männlich, sehr drahtig und sehr großgewachsen. Blaue Augen, kindliches Milchgesicht, relativ wenige sehr blonde Haare, modischer, romantisch aussehender Haarschnitt. Mit seinen etwa 20 Jahren ist er der jüngste unter den Männern und trägt eine Brille mit dünnem Rand und recht kleinen Gläsern. Das Modell für Alfred ist eine Kombination aus Loris und einem ehemaligen Kommilitonen; seine guten Seiten hat er vom ersteren und seine schlechten vom letzteren (und den Haarschnitt hat er von keinem von beiden).
Die junge Frau (Emma) – Das Modell der jungen Frau bin ich natürlich selbst, aber mit Abwandlungen, also ist sie praktisch eine “idealisierte” Version meiner Person. Die junge Frau ist recht klein (kleiner als ich) und war mal sehr zierlich, bevor sie Mutter wurde; hat pechschwarze, sehr glatte Haare, die sie fast hüftlang trägt, entweder mit geradem oder gar keinem Pony. Sie trägt nahezu ausschließlich Röcke oder Kleider mit Wollunterwäsche darunter, weil ihr leicht kalt wird. Würde ganz dem Klischee entsprechend gern ein abenteuerliches Leben führen, hat sich aber sehr früh für die Ehe entschieden. Ansonsten langweilige Person.
Der Ehegatte (Karl/Gottfried) – Das Modell des Ehegatten ist ziemlich offensichtlich: Haselnussbraune Augen, dunkelbraune Haare, hübsches jugendliches Gesicht, wirkt durch seine Dicklichkeit und mittlere Größe aber älter als er ist. Trägt allerdings eine Hipster-Brille. Der Ehegatte kleidet sich auch sonst wie ein Hipster, wenn er Freizeit hat und sehr (fast schon zu) formell, wenn er im Büro ist. Arbeitet viel, trinkt daher Kaffee dabei und Whiskey danach, und sieht sich als Connoisseur.
Das süße Mädel – Wenn man die Handvoll junger Schauspielerinnen Hollywoods zusammen mischt und 4 Kleidergrößen dazuaddiert, kommt das süße Mädel dabei raus, so eine Kombination aus junger Meg Ryan und Zooey Deschanel zum Beispiel. Auf jeden Fall gewellt bis lockige Haare, eher hell, also dunkelblond, nicht viel mehr als schulterlang, sehr große Augen und mittelgroße Statur. Vom Gefühl her sehr rund, sowohl äußerlich als auch innerlich, und die Pfunde stehen ihr sehr gut. Hinter dem dumm aussehenden Gesicht steckt allerdings viel Witz und Geschick, auch wenn sie sich auf ein Daterape einlässt (oder es behauptet) und keine Ahnung von zeitgenössischer Kunst hat.
Der Dichter (Robert) – Naja, der Dichter sieht halt so aus wie Schnitzler selbst, aber ohne den Bart und den furchtbaren Haarschnitt. Um den Bauch herum ziemlich dick und alt (die Männer steigen vom jungen Herrn bis zum Grafen nahezu linear auf), ein bisschen grimmiger oder trauriger Blick, die dunkelbraunen Haare verwuschelt in die Augen reinfallend. Ist trotzdem (oder gerade deswegen) besser darin, Frauen in die Horizontale zu quatschen als zu schreiben.
Die Schauspielerin – Das Modell für die Schauspielerin ist nicht die Sandrock, sondern die Massary. Kurze, dunkle Haare, entweder mit hohem oder weitem Hut oder mit einer Tiara. Sehr extravaganter Kleidungsstil, der aussieht wie in Mix aus den 20ern und 90er Jahren. Ist sehr stolz auf ihre relative Größe und damit verbundenen langen Beine, am meisten aber auf ihr Geld und die damit verbundene persönliche Freiheit.
Der Graf – Der ist in erster Linie alt, aber durchaus groß und schlank und fährt gern Fahrrad. Haare völlig ergraut, Vollbart, irgendwoher irische Abstammung, ein Blick, der irgendwo zwischen freundlich und creepy hin und her pendelt. Trägt stets ein Jackett und eine farblich passende Hose, in der Regel in Brauntönen, mit entsprechend altmodisch-schicken Accessoires. Hat alles schon mal erlebt und strahlt eine entsprechende Ruhe aus, außer wenn er sich hoffnungslos betrinkt. Das Modell für den Grafen ist ein Professor, den ich früher hatte, der allerdings charakterlich wenig mit dem Grafen gemein hat.





